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KOM
 

DerZeitarbeits-Check.de:
Herr Fuhrmann, im Oktober 2010 haben Sie uns von der Initiative Qualitätssiegel Zeitarbeit berichtet (zum Blogbeitrag). Was hat sich seitdem geändert?

Norbert Fuhrmann

Norbert Fuhrmann

Norbert Fuhrmann:
Die Branche stand damals bereits stark in der Kritik. Die Öffentlichkeit bekam mehr und mehr ein negatives Bild von der Zeitarbeit. Dem wollte ich etwas entgegensetzen, um zu zeigen, das es auch Firmen gibt, die fair, seriös und werteorientiert arbeiten. Daran hat sich nichts geändert. Das Qualitätssiegel soll Bewerbern und Kunden als Ergebnis einer unabhängigen Überprüfung Sicherheit bei der Arbeitsplatz- bzw. Dienstleisterauswahl bieten und liefert so automatisch positive Beispiele aus der Zeitarbeitsbranche.

DerZeitarbeits-Check.de:
Dass in der Branche fair gearbeitet wird, behaupten die Arbeitgeberverbände und natürlich viele Unternehmen.

Norbert Fuhrmann:
In den Werbeaussagen finden Sie die Worte Fairness und Seriosität häufig, was das aber im Einzelfall bedeutet und ob sich Mitarbeiter und Kunden darauf verlassen können, steht in den Sternen. Niemand wirbt damit, dass er unfair zu Mitarbeitern ist oder seine Kunden übers Ohr haut. Hier fehlte eine unabhängige Überprüfung, wie wir sie mit dem Qualitätssiegel Zeitarbeit bieten.

DerZeitarbeits-Check.de:

Überprüfungen gibt es doch schon länger. Nicht wenige Personaldienstleister haben ganze Kataloge, um das Prozess- und Qualitätsmanagement sicherzustellen. Oder denken Sie an ISO- und SCP- Zertifizierung.

Norbert Fuhrmann:
Es gibt hier einen großen Unterschied. ISO betrachtet die Qualität von Prozessen, SCP legt den Schwerpunkt auf die Arbeitssicherheit. Die Kriterien des Qualitätssiegels Zeitarbeit setzten an den Kritikpunkten der Öffentlichkeit an. Diesen geht es primär um die korrekte Bezahlung und Eingruppierung der Zeitarbeiter und darum sicherzustellen, dass der Personaldienstleister kein Hire-und-Fire betreibt. Insbesondere Zeitarbeitsunternehmen sollten gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Diese fängt nun mal bei den eigenen Mitarbeitern an.

DerZeitarbeits-Check.de:
Dieser letztgenannte Satz erinnert stark an den „Ehrbaren Kaufmann zu Hamburg“ (zum Leitbild).

Norbert Fuhrmann:
Diesen Vergleich kann man durchaus ziehen. Bei der Kriterienfindung für unsere Zertifizierung, in die übrigens neben Zeitarbeitsunternehmen auch Kundenbetriebe und Gewerkschaften involviert waren, haben wir uns an allgemeingültigen CSR-Maßstäben orientiert und diese für die Zeitarbeitsbranche neu definiert.

DerZeitarbeits-Check.de:
Sie möchten mit dem IQZ-Gütesiegel u. a. erreichen, dass sich Entleiher sicher sein können, mit einem tatsächlich ehrbaren Verleiher zu arbeiten. Funktioniert das nur bei bestimmten Tarifanwendern?

Norbert Fuhrmann:
Natürlich ist der Entleihbetrieb ein direkter Adressat. Er muss wissen, dass er bei der Auswahl seiner Personaldienstleister keine Risiken eingeht. Im Hinblick auf das Unternehmensimage und natürlich finanziell…

DerZeitarbeits-Check.de:
…und mit dieser Festlegung auf bestimmte Tarifpartner spalten Sie die Branche in good and evil, oder?

Norbert Fuhrmann:
Sie sprechen von den Anwendern der christlichen Tarifverträgen?

DerZeitarbeits-Check.de:
Nun ja, immerhin stehen Sie bei nicht wenigen Personaldienstleistern in dem Ruf, die AMP-Anwender zu ignorieren, wenn nicht sogar zu “mobben”.

Norbert Fuhrmann:
Dem Vorwurf kann ich nicht folgen. Im AÜG ist geregelt, dass grundsätzlich EqualPay/Equal Treatment für die Branche gilt, es sei denn es kommen rechtssichere Tarifverträge zur Anwendung. Bei einer ganzen Reihe von christlichen Gewerkschaften wurde in den vergangenen Jahren gerichtlich festgestellt, dass sie eben keine rechtssicheren Tarifverträge abschließen können, da sie nicht tariffähig sind.

Dass dieses Risiko auch für die CGZP besteht, habe ich seit September 2003 immer wieder öffentlich vorgetragen – wie im übrigen auch der Arbeitsrechtsexperte Prof. Schüren von der Uni Münster. Da wir in der Branche ein Dreiecksverhältnis haben, ist von diesem Risiko neben dem Personaldienstleister aufgrund der gesetzlich vorgesehenen Durchgriffshaftung auch der Entleiher betroffen.

DerZeitarbeits-Check.de:
Und da hilft das Qualitätssiegel?

Qualitaetssiegel

Norbert Fuhrmann:

Wie gesagt, handelt es sich bei dem Qualitätssiegel Zeitarbeit um ein Instrument, dass Kundenbetrieben Sicherheit geben soll und zu deren Risikominimierung beiträgt. Hier sehen wir uns eindeutig in der Verantwortung, die Kriterien der Zertifizierung so zu gestalten, dass sie inhaltlich belastbar sind. Wenn wir also seit Jahren auf ein Risiko hinweisen, dessen negative Folgen dann auch noch eintreten, wüsste ich nicht, was das mit Mobbing zu tun haben sollte.

Unternehmen, die in der Vergangenheit christliche Tarife angewendet haben, haben sich bewusst dafür entschieden. Aus welchen Beweggründen lasse ich mal dahingestellt. Nun müssen genau diese Unternehmen die Folgen Ihrer Entscheidung tragen.

DerZeitarbeits-Check.de:
Nachdem das BAG also Ihre Einschätzung bestätigt hat, haben viele CGZP – Anwender nun den Tarifvertrag gewechselt und wenden mittlerweile DGB-Tarife an. Sind Sie auch bereit einen (ehemaligen) AMP-Anwender zu zertifizieren?

Norbert Fuhrmann:
Generell gilt für uns, dass jeder Fehler machen kann. Nur muss man dafür auch – gegebenen falls öffentlich – die Verantwortung übernehmen und sie korrigieren.

Kurzum: AMP-Anwender, die ihre Vergangenheit nicht bereinigt, sprich berechtigte Ansprüche nicht gemeldet und bedient haben, werden von uns nicht zertifiziert. Ehemalige AMP-Anwender, die dagegen die Vorgaben unseres Kriterienkatalogs einhalten, können genauso wie jedes BZA- oder iGZ-Mitglied nach erfolgreichem Audit das Qualitätssiegel Zeitarbeit erhalten.

DerZeitarbeits-Check.de:
Ist das nur „theoretisch“ gemeint?

Norbert Fuhrmann:
Im Gegenteil, ich nenne Ihnen gerne ein konkretes Beispiel: Ein Personaldienstleiser aus Baden-Württemberg war bis 2006 AMP-Tarifanwender und wendet ab 2007 das DGB-Tarifwerk an. Die „christliche“ Vergangenheit mit allen damit verbundenen Nachforderungen wurde ordnungsgemäß aufgearbeitet und abgewickelt.

Wir haben diesen Umstand genauso sorgfältig geprüft wie den restlichen Kriterienkatalog und einem aus meiner Sicht vorbildlichen Unternehmen – die Löhne waren auch vor 5 Jahren schon auf einem sehr ordentlichen Niveau – gerne das Qualitätssiegel Zeitarbeit verliehen.

DerZeitarbeits-Check.de:
Darf man den Namen des Unternehmens erfahren?

Norbert Fuhrmann:
Es ist die Firma agento aus Ravensburg.

DerZeitarbeits-Check.de:
Ihre Nähe zum iGZ steht ebenfalls in weiten Kreisen der Branche zur Diskussion – wie erklären Sie diesen “Schmusekurs”?

Norbert Fuhrmann:
Ich kann nicht leugnen, dass ich eine Zeit lang als Verbandsmitglied im iGZ war und als Vorstand mit für die Gestaltung des iGZ-Tarifvertrag verantwortlich war. Wer aber meine öffentlichen Beiträge seit einiger Zeit aufmerksam liest, der stellt fest, dass ich auch den iGZ inzwischen „kritisch begleite“ – inbesondere im Zusammenhang mit der Tarifpolitik des Verbands und dessen Glaubwürdigkeit.

Glauben Sie mir, da mache ich mit Sicherheit keine Unterschiede im Vergleich zu anderen Verbänden oder Tarifpartnern.

DerZeitarbeits-Check.de:
Herr Fuhrmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

1 Kommentar

  • Kommentar von Tom
    April 11th, 2013 at 16:22

    Gut recherchiert und gut erklärt.

    Dennoch. Mit Siegeln ist es immer so eine Sache. Und es wird auch hier schwarze Schafe geben, die alle Bestimmungen erfüllen wollen, doch neben dem Geschehen noch allerhand Schindluder treiben.

    Mit oder ohne Siegel, man sollte sich nichts vorzuwerfen haben und das wird dann auch von Kunden weitergetragen. Aber ein Siegel mehr, besser als nichts…

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